Donnerstag, 14. Mai 2015

Russische Kirchen in Karaköy


Der Russe auf dem Dach!

Heute wird "der Russe" als Tourist in der Türkei zweierlei wahrgenommen. Entweder sind es kleine Geschäftsleute, die in Istanbul vor allem im Stadtteil Laleli hauptsächlich Klamotten minderer Qualität einkaufen, um sie zu Hause zu verkaufen. Oder es handelt sich um laute Touristen in den Urlaubsfabriken von Antalya, die sich am Buffet nicht zu benehmen wissen. Beides Klischees natürlich.
Gehen wir in unseren Gedanken einige Jahrhunderte zurück. Das Ökumenische Patriarchat von Phanar (Fener) am Goldenen Horn ist Zentrum des orthodoxen Christentums. Angehörige anderer orthodoxen Kirchen (Russen, Bulgaren, Ägypter, Palästinenser, ...) reisten nach oder durch Konstantinopel, z.B. unterwegs nach Jerusalem oder nach Berg Athos (Türkisch: Aynaroz); es gab kirchliche Treffen usw. Also hatten all die Orthodoxen der alten Welt hier ihre Vertretungen mit eigener Kirche und Herbergen, die so genannten Metohien (Metohion, heisst etwa Tochterhaus).
Während fast alle anderen ihre "Tochterhäuser" am Goldenen Horn - Nähe Ökumenisches Patriarchat - hatten, blieb wohl den Russen der Galata-Hafen übrig. Aber alle haben Ufernähe vorgezogen, da die Schifffahrt die schnellste und die sicherste Art des Reisens war, die man am ehesten bevorzugt hatte.
Russische Pilgerer oder Kirchenvertreter wohnten in den Herbergen hier in Karaköy. Sie bauten auf dem jeweiligen Dachgeschoss ihre Kirchen. Vier solche Dachkirchen gibt es hier. 
Wenn man von der Schule St. Benoît aus auf die andere Straßenseite geht und sich einfach durch eine der engen Gassen Richtung Ufer begibt, sollte man sich herumschauen. Dabei werden Nackenmuskulatur und die Halswirbeln beansprucht. Denn man kommt sich vor wie Rubbernecks, wie Touristen in New York spöttisch genannt werden. 
 St. Andreas und St. Panteleimon sind noch aktive Kirchen; die St. Ilias seit einigen Jahren und die St. Nikolaus schon lange nicht mehr. Die St.-Nikolaus-Kirche ist mitsamt Gebäude sogar längst an Private verkauft. Im Dachgeschoß ist die ehemalige Kirche ein seltsames Lager und die Kuppel hat auch kein Kreuz mehr.  
Dafür hat eine junge türkische Malerin in kirchlicher Höhe ihr Atelier: Desen Halıçınarlı.  
Tipp: Sie hat Zukunft!
Desen Halıçınarlı





 
























Im Buch: Ort 007

Mittwoch, 6. Mai 2015

Cicerone Monatsprogramm: Mai

Tulpen und Judasbäume am selben Tag:

Der lange Winter 2015 hörte plötzlich auf und der Frühsommer ist schon da. Istanbul hat dieses Jahr keinen Frühling gehabt.

Cicerone hat zwei Monatsprogramme - beide mit floraler Thematik - an einem Tag organisieren müssen, da es sonst zu spät gewesen wäre: entweder für die Tulpen oder für die Judasbäume. Mai- und Juniprogramme wurden also vereint. Force majeure!

Das Juniprogramm wird noch angekündigt.

Die Tulpe:

Tulpenteppich vor der Hagia Sophia
Sie stammt aus der Türkei und nicht aus Holland. Den Osmanen war sie heilig, weil ihr türkischer Name, lâle, in arabischer Schrift ein Anagramm von Allah ist. Die Blüten sollten rot und möglichst dolchförmig sein, in der türkischen Blumensprache bedeutete das: "Deine Schönheit hat mich entflammt."
Seit dem 16. Jahrhundert finden sich Tulpenmotive auf Seidenstoffen und Fliesen, in Holz geschnitzt und auf Metall. Vom Hof Süleymans des Prächtigen (1520-1566) soll der flämische Botschafter Ogier Ghislain Busbecq Tulpenzwiebeln nach Europa gebracht haben; 1559 wurde in Augsburg die erste "Tulipa turcarum" erwähnt.
Um 1600 entdeckten Holländer die Tulpe als Spe­kulationsobjekt: Wer in die richtigen Zwie­­beln investierte, konnte reich werden. Auf dem Höhepunkt des Rausches, 1638, kostete eine Semper Augustus 13.000 Gulden - mehr als die teuersten Häuser Amsterdams.

Im Osmanischen Reich kam die Tulpe unter Ahmet III. (1703-1730) noch einmal zu Ehren. Seine Herrschaftszeit hieß Tulpen-Ära, lâle devri, weil der Blumenfan jedes Jahr auf­wän­dige Tulpenschauen inszenieren ließ. 1726 berichtete ein Gesandter von „vieltausend verspiegelten Laternen über einem Tulpenmeer, durch das sich Schildkröten mit Kerze auf dem Panzer bewegten“. Noch heute ist die Tulpe Symbol der Istanbuler Stadtverwaltung und ziert jede Ecke.

Bosporus-Universität












Der Judas-Baum und der kaiserliche Purpur:

Im Frühsommer entfaltet sich der Bosporus in seiner botanischen Pracht. Die Judasbäume blühen für eine kurze Zeit und verleihen diesem einmalig schönen Landstrich einen besonderen Farbton.

Die "Farbe" Purpur wird aus einer Schnecke gewonnen, die im Mittelmeer lebt. Die Gewinnung ist äußerst kompliziert, was den Farbstoff so wertvoll macht (ein Gramm ca. 2.500 €). Daher ist das Tragen von purpurgefärbten Gewändern ein Privileg von Kaisern, Oberrabbinern, Kardinälen.


Das Gestein Porphyr (heißt „purpurfarben“) war zur Römerzeit und dann auch unter Konstantin d.G. sehr beliebt. Aufgrund seiner purpurnen Farbe war es ausschließlich den Kaisern und ihren Bildnissen vorbehalten. Für Kaiser Konstantin gab es Porphyrkreise in den Fußböden seiner Empfangshallen, die nur er betreten durfte, seine Kinder wurden in porphyrgetäfelten Zimmern geboren.


„Porphyrogennetos“, In-Porphyr-Geborene wurde dann ein Titel byzantinischer Kaiser. Sie wurden in Porphyrsarkopha- gen beerdigt.

Die Festung Rumeli am Bosporus




Der Name Judasbaum hat die Ursprünge in der Legende, Judas Ischariot habe sich an einem solchen Baum erhängt. Nach einer Erzählung des Mittelmeerraumes sei der Baum danach vor Scham rot angelaufen. Ergänzend kann man die runden Blätter, die sich erst während der Blüte bilden, als die Silberstücke sehen, mit denen Judas für seinen Verrat bezahlt war.

Und natürlich endete der Anfangmaiabend an der Galata-Brücke mit Fisch und Rakı.

Donnerstag, 30. April 2015

Die Schule St. Benoît

Aus einem Genuesenkloster wurde eine Renommierschule der Franzosen

Lycée Français Privé Saint-Benoît heißt eine der renommiertesten frankophonen Schulen der Türkei. Sie ist auf unserer Route Richtung Karaköy auf der rechten Seite. Daß sie eine fromme Stiftung war, erkennt man spätestens am Glockenturm.





Eine der besten Bildungseinrichtungen der Türkei ist gleichzeitig eine lateinisch-katholische Institution mit uralten Wurzeln.



Offizielle Gründung der Schule ist 1783, doch geht die Geschichte eigentlich zurück auf das Jahr 1362, in die Zeit also, als Galata noch eine genuesische Kolonie war. Ursprünge sind auch nicht französisch, sondern italienisch.

Sie wurde als Kloster gegründet, und zwar von genuesischen Nonnen aus dem benediktinischen Kloster in Monte Cassino. Die Ursprünge der heutigen Anlage hieß auch Monestaro della Cisterna de Pera – Kloster der Pera-Zisterne. Einziger Zeuge des alten Klosters ist der Glockenturm im Eingangsbereich der Schule.

Ab 1427 unter die Leitung der italienischen Benediktinermönche gekommen, wird das Haus ab 1450 an französische Benedikter übergeben und heißt daher Saint-Benoît, also Kloster des Heiligen Benedikt.

Auf Verlangen des französischen Königs François I. und mit Erlaubnis des osmanischen Sultans Süleyman wurde das Kloster als Botschaftskapelle der französischen Botschaft anerkannt und somit unter diplomatischen Schutz genommen.

Auf Wunsch des französischen Königs Heinrich III. nahm Papst Gregorius XIII. das Kloster dem Benediktinerorden weg und stellte es den Jesuiten zur Verfügung. Zwei französische und zwei italienische Jesuiten haben die Leitung übernommen. 1583 wurde in der Klosteranlage unter den Jesuiten die erste Bildungstätigkeit aufgenommen.  Die Pestepidemie des Jahres 1586 brachte allen Jesuiten den Tod. Kapuzinermönche übernahmen das Kloster. Allerdings erlaubte sich der Kapuziner Joseph de Leonessa etwas, was nicht sein durfte. Er erschien vor dem Sultan Murad III. und forderte ihn auf, das Christentum anzunehmen. Alle Kapuzinermönche mussten nun das Land verlassen. Die Schultätigkeit wäre fast eingestellt gewesen, wenn nicht andere Jesuiten zur Hilfe geeilt hätten. Saint-Benoît ist inzwischen zum Zentrum der Jesuiten zur maison-mère im Osmanischen Reich geworden.

1610 bekam das Kloster ein Krankenhaus namens Saint-Louis, das bis 1825 funktionierte.  Die Schäden des Brandes von 1696 am Krankenhaus wurden mit den Mitteln der Handelskammer Marseille repariert.

1686 brannte die Kirche im Haus. Auf Initiative des französischen Botschafters Pierre de Girardin wurde die neue Kirche mit Kuppel gebaut – ein Privileg, das nur Moscheen haben durften.

Wendepunkt 1783: Jesuiten verließen Galata aufgrund der Unruhen in Frankreich. Das Kloster und alles, was dazu gehört, überließen sie siebzehn Lazaristen unter der Leitung von Pierre-François Viguier. 1783 gilt seither als Gründungsjahr des Lyzeums.

Anfangs waren es nur französische Internatsschüler. Mit einem Erlass des Sultans Mahmud II. wurden auch Schüler osmanischer Staatsangehörigkeit aufgenommen – hauptsächlich nichtmuslimische Kinder. Die Osmanen öffneten sich langsam in Richtung Europa – über die französische Sprache. Man brauchte eine gebildete Eliteschicht mit Fremdsprachenkenntnissen.

1834 schreibt der Schulleiter an die Lazaristen in Paris und beklagt sich über die Schwierigkeiten, die man in Istanbul hat: häufige Brände, das kapriziöse Verhalten und die Undankbarkeit der Levantiner,  die Pest... 

„… die neu eröffneten Unterrichtsträume Für Physik und Astronomie haben für großes Aufsehen gesorgt. Viele junge Menschen kamen zu mir, um sich einzuschreiben, da diese Fächer in Istanbul völlig neu waren...“

Die 1839 hinzugekommenen Französischen Nonnen der Filles de la Charité haben der Schule eine Mädchenabteilung zugefügt. Im 19. Jahrhundert stieg die Anzahl der einheimischen Kinder neben Levantinerkindern und Ausländer. Bei den Einheimischen handelte es sich hauptsächlich um armenisch-katholische oder bulgarisch-katholische Kinder. Das Lyzeum bekam noch eine Grundschule und eine Druckerei mit der finanziellen Hilfe des französischen Außenministeriums. Aufgrund des hohen Bildungsniveaus bekommt Saint-Benoît durch den französischen König Louis Philippe den Titel eines Collège Royal, einer königlichen Schule, verliehen. So wurde das Diplom in Frankreich als gleichwertig anerkannt.

Mit einer Apotheke und einer Dispensaire ausgestattet, war Saint-Benoît auch Pionier in wissenschaftlich-meteorologischen Messungen und Aufzeichnungen im Osmanischen Reich.

Während des Krim-Krieges haben sich die Nonnen von Saint-Benoît in Militärkrankenhäusern verdient gemacht. Als Dank dafür hat der damalige türkische Marineminister großzügige materielle Hilfe geleistet. So stieg das Ansehen der Schule auch innerhalb des osmanischen Staatsapparats. 1855 wurden insgesamt drei muslimische Schüler eingeschrieben, einer davon war der Sohn des Hofarztes.

1869 besuchte die französische Königin Eugénie die Schule während ihres offiziellen Besuches in Istanbul. Im türkisch-russischen Krieg und in den Tragödien der Folgejahre haben die Schule und das Schulpersonal wieder einmal humanitäre Hilfe geleistet.


Das Schulgebäude wurde in den Jahren 1875 bis 1880 völlig neu aufgebaut so wie wir es heute vor uns haben. Der Architekt ist Alphonse Cingria, ein Absolvent der Saint-Benoît, der in Paris Architektur studiert hatte.

Im Ersten Weltkrieg standen Frankreich und das osmanische Reich in Gegenlagern. Französisches Personal wurde des Landes verwiesen. Aus der Schule wurde ein Lazarett. Die Kirche im Komplex wurde den befreundeten österreichischen Geistlichen übergeben. Daher ist sie bis heute gut erhalten. In der Kirche befindet sich unter anderem das Grab des ungarischen Nationalhelden Rákóczi Ferenc II.

1919 nahm die Schule wieder den Betrieb auf. Heute hat Saint-Benoît wie die anderen ausländischen Privatschulen in der Türkei einen Sonderstatus. Die naturwissenschaftlichen Fächer werden in Französisch, die anderen in Türkisch unterrichtet. Auch die Schulleitung ist binational.




Wenn Sie mal hier Schülern oder Schülerinnen begegnen, sprechen Sie sie einfach an. Sie könnten Ihre Französischkenntnisse auffrischen.                                      

Mittwoch, 29. April 2015

Cicerone Monatsprogramm: April

Der Tag des Drachentöters

Heiliger Georg auf Büyükada

Einer der häufigsten männlichen Vornamen im christlichen Abendland ist Georg, George, Giorgio oder wie die Türken den Griechen nachahmend sagen: Yorgo. Wer kennt ihn nicht?

Georg ist ein Heiliger in der katholischen Kirche. In der orthodoxen ist er mehr: ein Märtyrer. Gelebt hat er wohl im 3. Jahrhundert und möglicherweise ist er ein Zeitgenosse des christenfeindlichen Kaisers Diokletian, der für viele Massaker verantwortlich ist. Gestorben ist er nach der Überlieferung am 23. April 303.

Wahrscheinlich stammte dieser Verfechter des Christentums aus Kappadokien. Dort sieht man fast in jeder Kirche ein Bildnis von ihm. Aber im ganzen Vorderen Orient ist er hoch verehrt. Ja, es gibt sogar ein Land, das nach ihm benannt wird: Georgien!

Er wird sehr oft als Reiter mit einer Lanze in der Hand dargestellt - unter den Hufen des Pferdes liegt ein Drache, und seine Lanze richtet sich gegen das Ungeheuer: Georg, der Drachentöter! Die Drachenlegende ist wie in vielen Rittermärchen: Er rettet eine Königstochter (natürlich Jungfrau) vor einer Bestie (Drache). Unser Held tötet das Ungeheuer. Die Jungfrau war ein Opfer, das der Drache von der Bevölkerung forderte. Nach dem Erschlagen des Drachen ist das Land vom Bösen befreit und viele Menschen lassen sich christlich taufen.

Das Ungeheuer versinnbildlicht den Feind des Christentums: den römischen Staatskult!

Wahrscheinlich war Georg ein römischer Offizier, der Christ wurde, gegen die römische Staatsmacht kämpfte und die Christen beschützte. Er wurde geköpft.

Georg zählt zu den vierzehn Nothelfern und hilft vor allem bei Kriegsgefahren, Fieber, Pest und anderem. Er hilft gegen  Versuchung und für gutes Wetter. Er ist Beschützer der Haustiere.

Das bekannteste Georgskreuz sieht man auf der Flagge Englands.

Jedes Jahr ist der 23. April Gedenktag des Hl. Georg. Ob in der Mönchsrepublik Athos, ob auf der großen Insel Prinkipo (Büyükada), in allen Georgskirchen wird des Tages gedacht, wobei sich religiöse Riten mit den volkstümlichen Mythen sich vermengen.

Auf dem 202 Meter hohen Hügel der Insel befindet sich das Kloster des Hl. Georg - Aya Yorgi.

Und jedes Jahr kommen Menschen aller Glaubensrichtungen hierher, um nach einem "Tempelgang" sich etwas zu wünschen: Ehe, gute Noten in der Schule, Kinder, Auto oder Geld...









Unterschiedlich gefärbte Kerzen sind dafür da, dass der Heilige auf einen Blick erkennen kann, was da gewünscht wird. Bäume dienen wie immer als Träger von Wunschsymbolen wie Stoff-Fetzen. Eine Besonderheit aber ist das Anbringen von Nähgarn am Gebüsch am Wegrand.

Die Griechen feiern dann in der Kirche ihren Georgstag und die anderen laufen singend zurück zu der Schiffsanlegestelle. Denn es ist meistens regnerisch in Istanbul am 23. April. Das weiß jeder schon als kleines Kind. Es ist auch der Gründungstag des Gegen-Parlamentes in Ankara 1920, das den Befreiungskampf gegen die Besatzer legitimieren wird. Dieser Tag ist den Kindern gewidmet und wird als Kinderfest gefeiert. Die Pennäler nehmen an Straßenzügen und Paraden teil und werden oft nass. 

Hinterher wird man krank und hat keine Schule. Hurra!

Donnerstag, 26. März 2015

Cicerone Monatsprogramm: März

Die Bosporus-Paläste

Osmanischer Barock auf Meereshöhe


Wer den Topkapı-Palast und die Süleymaniye-Moschee mit aufmerksamen Augen gesehen hat, wird die majestätische Schlichtheit bewundert haben. Wer aber dann die Rüstempaşa und die "Blaue" Moschee gesehen hat, wird einen Sinneswandel, sagen wir Modewechsel, feststellen: außen pfui, innen hui - was Dekor angeht.

In der Architektur gibt es solche Epochen, auch bei den Türken.

Nach der Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 hatten es die Türken nicht leicht. Sie brauchten Paläste - mindestens genauso schön wie die der Byzantiner. Sie brauchten ihre eigenen Gotteshäuser - mindestens genauso schön wie die der Byzantiner.

Der Topkapı-Palast entstand nicht von heute auf morgen. Auf dem Gelände des Trümmerhaufens des einstigen Bzyantion baute man nach und nach, ohne stilistisches Konzept, eklektisch, je nach Bedarf die Residenz für die nächsten 400 Jahre. Hier wohnten die namhaftesten Sultane und ihre Familien. Ein Komplex eben - ohne Konzept, recht türkisch. Der Haremsbereich erreichte im Laufe des 17. Jahrhunderts die heutigen Ausmaße und die Ausstattung.

Alle Prestigebauten waren vorher sowohl nach außen als auch nach innen schlicht. Ich meine hier die Ausschmückung. Eine majestätische Ausstrahlung haben diese Werke nach außen allemal, aber keinen Fassadenschmuck. Die Mode oder der Sinneswandel des ausgehenden 16. Jahrhunderts schrieb vor: nach außen schlicht, nach innen üppig. Wenn man nicht reingeht, sieht man es auch nicht, wie schön es drinnen ist. Also, rein in diese Moscheen!

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bemüht sich das Osmanische Reich krampfhaft um Modernisierung. Versuche einer konstitutionellen Monarchie, Parlamentarisierung etc. Da muss man sich auch stilistisch erneuern. 

Der Topkapı-Palast ist den Osmanen mittlerweile viel zu altmodisch, nomadenhaft, zelthaft. Man hat nun mehr Kontakt zu den Europäern. Man weiß mittlerweile, wie die Herrscherpaläste dort aussehen. Nachahmung beginnt. Nachahmung, ohne dass man seine Eigenheit verlieren will. Das Ergebnis ist osmanischer Barock.

Für den einen oder anderen ist das Kitsch.

Drei Paläste und ein Jagdschlössschen an den Ufern des unteren Bosporus hat diesmal Cicerone mit seinen Gästen besucht. Der Tag war sonnig aber kalt.
























Der Dolmabahçe-Palast ist natürlich der Höhepunkt des Programmes. Der Palastbau hat soviel Geld gekostet, dass zum Schluss der Osmane aufgrund seiner Zahlungsunfähigkeit ein Moratorium erklären musste und von Großmächten als "der kranke Mann am Bosporus" verspottet wurde. Hier starb aber nicht nur der kranke Mann am Bosporus, sondern auch der kranke Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der "gesunden" Republik Türkei, die wieder kränkelt.

Die beiden anderen Paläste sind der Beylerbeyi-Palast auf der asiatischen Seite, schräg gegenüber von Dolmabahçe und der Çırağan-Palast etwas weiter nördlich, heute Hotel Kempinski. Das Jagdschlösschen liegt auch am Ostufer des Bosporus, in Küçüksu.

Diese Werke haben noch eines gemeinsam: Sie sind alle gebaut von der armenischen Architektenfamilie Balyan!

Über die einzelnen Bauten, deren Schicksale und deren Interieur werde ich demnächst in diesem Blog unter "Bosporus" schreiben.





Dienstag, 24. März 2015

Surp-Krikor-Lusavoriç-Kirche

Der Erleuchter aus dem Kerker

Gleich gegenüber der griechischen Schule ist ein gewaltiger Bau mit einer Kegelkuppel, die Surp-Krikor-Lusavoriç-Kirche. Ringsherum eng verbaut, ist der Bau dank seiner gewaltigen Ausmaße auffällig: eine armenische Kirche, die einem sehr wichtigen Mann geweiht ist: Surp Krikor Lusavoriç oder zu Deutsch: St. Gregor, der Erleuchter. Er hat eine spannende Lebensgeschichte.



Der vermutlich um 240 geborene
und um 331 gestorbene (sehr lange Lebenszeit!) Heilige stammte aus der Fürstensippe der Arsakiden im alten Persien und hieß bürgerlich "Suren". Eine Nebenlinie dieser Familie beherrschte Großarmenien. Der persisch-sassanidische König Schapur I. beauftragte Anak, den Vater des jungen Suren, mit der Ermordung des armenischen Großkönigs und Verwandten Tiritades II., da er über ganz Armenien herrschen wollte. Surens Vater erfüllte den Auftrag.

Die Rache der Armenier war brutal. Die ganze Familie des Anak wurde ausgerottet. Nur Suren und sein Bruder überlebten das Massaker.

Erzieher brachten Suren nach Kappadokien. In der mittleweile stark - aber heimlich - christianisierten Provinzhauptstadt Cäsarea (Kayseri) bekam er eine strenge christliche Erziehung und den christlichen Namen Gregor. Christsein war im Römischen Reich strengstens verboten und verfolgt.

Der armenische König Tiritades III., dessen Vater vom Vater des jungen Gregor ermordet wurde, wollte mittlerweile sein ganzes väterliches Reich Armenien wiedererobert haben. In Cäsarea angekommen, machte der König Gregor zu seinem Sekretär, da er neben Armenisch auch sehr gut Griechisch sprach. Als bei einem Ritual Gregor sich weigerte, der zoroastrischen Göttin Anahita zu opfern, verriet er sich selbst als Christ. Tiritades fand obendrein heraus, wer er war. Gregor landete im blinden Kerker der Klosteranlage Khor Virap auf der Ararat-Ebene. Man hatte die Hoffnung, er sterbe dort.

Doch überlebte er auch diese Qual. Nach 13 Jahren holte man ihn aus diesem Loch heraus. Er sollte nämlich den schwerkranken König mit seinen Gebeten heilen. Vielleicht hilft ja der christliche Glaube doch. Der König und seine Familie litten unter Lykanthropie, einer schizophrenen Psychose. Gregor heilte den König, die ebenso kranke Familie und bekehrte ihn und führende armenische Fürsten zum Christentum. Armenien wurde zum ersten christlichen Staat und Gregor Lusavoriç, der Erleuchter, zum ersten armenischen Katholikos.

Die Kirche ist donnerstags geöffnet. Es mangelt halt an Publikum. Gleich neben der Kirche ist das armenische Gymnasium "Getronagan" voll im Betrieb.

Die griechische Volksschule

Kunst statt Kindergeschrei

Unterwegs auf der Kemeraltı-Straße in Richtung Karaköy übersieht man in der Regel ein schönes Haus rechts. Die Straße ist unfreundlich und gilt nicht gerade als Flaniermeile. Geschäfte, die Outdoor-, Jagd- oder Taucherausrüstung verkaufen, dominieren; sonst gibt's viel Verkehrslärm. 
Das stolze, klassizistische Gebäude mit einer dunkelgrauen, wohl von Umwelteinflüssen mitgenommenen Fassade ist ein Werk des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Nach einer 30-jährigen Bauzeit wurde die Schule 1888 eingeweiht und überlebte alle Erdbeben. Finanziert wurde sie von griechischen Geschäftsleuten aus Galata.
Mangels genügend Schüler wurde die Schule mittlerweile stillgelegt. Doch es kam noch schlimmer: Der türkische Staat hat die Schule von ihren Einkünften abgeschnitten. Die Ladengeschäfte im Erdgeschoß wurden mitsamt Schulgebäude konfisziert.
Mittlerweile atmen die Griechen in Istanbul etwas auf, da ihnen die Immobilien der Minoritätenstiftungen zurückgegeben werden sollen. Eine Praxis, die in den 1980-er Jahren unter Militärdespotismus ihren Ursprung hatte, soll jetzt unter Zivildespoten wiedergutgemacht werden. Wie erfreulich, wenn's wahr wird!
Wenn die Istanbuler Intelligenzia ehrlich ist, muss sie zugeben, dass man auf dieses Haus erst aufmerksam wurde, seit es als Ausstellungs- und Veranstaltungshaus zur Verfügung steht.
An geraden Jahreszahlen findet in der Stadt die Design-Biennale und an ungeraden die große Istanbul-Biennale statt. Letzten Herbst konnte man in der "Skoli Galata" die Werke internationaler Designer unter dem Motto "Die Zukunft ist nicht mehr so wie früher" bewundern. Dieses Motto schien mir fast ein Plagiat eines Karl-Valentin-Spruchs zu sein: "Früher war sogar die Zukunft besser". Besser kann man die populistische Nostalgie der Menschen nicht verspotten. Gleichzeitig drückte das Motto der Biennale einen brutalen Realismus aus: Früher kreischten hier griechische Kinder.




 
Die Absolventen der Schule treffen sicmittlerweile wieder. Am 22. März 2014 trafen sie sich zum dritten Mal und durften sogar den ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. als Gast begrüßen.
Die nächste, vierzehnte Biennale kommt ganz bestimmt. Unter dem Motto "Salzwasser - Eine Theorie der Gedankenformen" finden verschiedene Veranstaltungen und Ausstellungen statt: 5. September - 1. November 2015.
Dort wo früher griechische Kinder lernten und spielten, plaudern heute Künstler und Kunstbeflissene. Ich bin dankbar dafür, dass man kein Einkaufszentrum daraus gemacht hat.