Donnerstag, 26. März 2015

Cicerone Monatsprogramm: März

Die Bosporus-Paläste

Osmanischer Barock auf Meereshöhe


Wer den Topkapı-Palast und die Süleymaniye-Moschee mit aufmerksamen Augen gesehen hat, wird die majestätische Schlichtheit bewundert haben. Wer aber dann die Rüstempaşa und die "Blaue" Moschee gesehen hat, wird einen Sinneswandel, sagen wir Modewechsel, feststellen: außen pfui, innen hui - was Dekor angeht.

In der Architektur gibt es solche Epochen, auch bei den Türken.

Nach der Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 hatten es die Türken nicht leicht. Sie brauchten Paläste - mindestens genauso schön wie die der Byzantiner. Sie brauchten ihre eigenen Gotteshäuser - mindestens genauso schön wie die der Byzantiner.

Der Topkapı-Palast entstand nicht von heute auf morgen. Auf dem Gelände des Trümmerhaufens des einstigen Bzyantion baute man nach und nach, ohne stilistisches Konzept, eklektisch, je nach Bedarf die Residenz für die nächsten 400 Jahre. Hier wohnten die namhaftesten Sultane und ihre Familien. Ein Komplex eben - ohne Konzept, recht türkisch. Der Haremsbereich erreichte im Laufe des 17. Jahrhunderts die heutigen Ausmaße und die Ausstattung.

Alle Prestigebauten waren vorher sowohl nach außen als auch nach innen schlicht. Ich meine hier die Ausschmückung. Eine majestätische Ausstrahlung haben diese Werke nach außen allemal, aber keinen Fassadenschmuck. Die Mode oder der Sinneswandel des ausgehenden 16. Jahrhunderts schrieb vor: nach außen schlicht, nach innen üppig. Wenn man nicht reingeht, sieht man es auch nicht, wie schön es drinnen ist. Also, rein in diese Moscheen!

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bemüht sich das Osmanische Reich krampfhaft um Modernisierung. Versuche einer konstitutionellen Monarchie, Parlamentarisierung etc. Da muss man sich auch stilistisch erneuern. 

Der Topkapı-Palast ist den Osmanen mittlerweile viel zu altmodisch, nomadenhaft, zelthaft. Man hat nun mehr Kontakt zu den Europäern. Man weiß mittlerweile, wie die Herrscherpaläste dort aussehen. Nachahmung beginnt. Nachahmung, ohne dass man seine Eigenheit verlieren will. Das Ergebnis ist osmanischer Barock.

Für den einen oder anderen ist das Kitsch.

Drei Paläste und ein Jagdschlössschen an den Ufern des unteren Bosporus hat diesmal Cicerone mit seinen Gästen besucht. Der Tag war sonnig aber kalt.
























Der Dolmabahçe-Palast ist natürlich der Höhepunkt des Programmes. Der Palastbau hat soviel Geld gekostet, dass zum Schluss der Osmane aufgrund seiner Zahlungsunfähigkeit ein Moratorium erklären musste und von Großmächten als "der kranke Mann am Bosporus" verspottet wurde. Hier starb aber nicht nur der kranke Mann am Bosporus, sondern auch der kranke Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der "gesunden" Republik Türkei, die wieder kränkelt.

Die beiden anderen Paläste sind der Beylerbeyi-Palast auf der asiatischen Seite, schräg gegenüber von Dolmabahçe und der Çırağan-Palast etwas weiter nördlich, heute Hotel Kempinski. Das Jagdschlösschen liegt auch am Ostufer des Bosporus, in Küçüksu.

Diese Werke haben noch eines gemeinsam: Sie sind alle gebaut von der armenischen Architektenfamilie Balyan!

Über die einzelnen Bauten, deren Schicksale und deren Interieur werde ich demnächst in diesem Blog unter "Bosporus" schreiben.





Dienstag, 24. März 2015

Surp-Krikor-Lusavoriç-Kirche

Der Erleuchter aus dem Kerker

Gleich gegenüber der griechischen Schule ist ein gewaltiger Bau mit einer Kegelkuppel, die Surp-Krikor-Lusavoriç-Kirche. Ringsherum eng verbaut, ist der Bau dank seiner gewaltigen Ausmaße auffällig: eine armenische Kirche, die einem sehr wichtigen Mann geweiht ist: Surp Krikor Lusavoriç oder zu Deutsch: St. Gregor, der Erleuchter. Er hat eine spannende Lebensgeschichte.



Der vermutlich um 240 geborene
und um 331 gestorbene (sehr lange Lebenszeit!) Heilige stammte aus der Fürstensippe der Arsakiden im alten Persien und hieß bürgerlich "Suren". Eine Nebenlinie dieser Familie beherrschte Großarmenien. Der persisch-sassanidische König Schapur I. beauftragte Anak, den Vater des jungen Suren, mit der Ermordung des armenischen Großkönigs und Verwandten Tiritades II., da er über ganz Armenien herrschen wollte. Surens Vater erfüllte den Auftrag.

Die Rache der Armenier war brutal. Die ganze Familie des Anak wurde ausgerottet. Nur Suren und sein Bruder überlebten das Massaker.

Erzieher brachten Suren nach Kappadokien. In der mittleweile stark - aber heimlich - christianisierten Provinzhauptstadt Cäsarea (Kayseri) bekam er eine strenge christliche Erziehung und den christlichen Namen Gregor. Christsein war im Römischen Reich strengstens verboten und verfolgt.

Der armenische König Tiritades III., dessen Vater vom Vater des jungen Gregor ermordet wurde, wollte mittlerweile sein ganzes väterliches Reich Armenien wiedererobert haben. In Cäsarea angekommen, machte der König Gregor zu seinem Sekretär, da er neben Armenisch auch sehr gut Griechisch sprach. Als bei einem Ritual Gregor sich weigerte, der zoroastrischen Göttin Anahita zu opfern, verriet er sich selbst als Christ. Tiritades fand obendrein heraus, wer er war. Gregor landete im blinden Kerker der Klosteranlage Khor Virap auf der Ararat-Ebene. Man hatte die Hoffnung, er sterbe dort.

Doch überlebte er auch diese Qual. Nach 13 Jahren holte man ihn aus diesem Loch heraus. Er sollte nämlich den schwerkranken König mit seinen Gebeten heilen. Vielleicht hilft ja der christliche Glaube doch. Der König und seine Familie litten unter Lykanthropie, einer schizophrenen Psychose. Gregor heilte den König, die ebenso kranke Familie und bekehrte ihn und führende armenische Fürsten zum Christentum. Armenien wurde zum ersten christlichen Staat und Gregor Lusavoriç, der Erleuchter, zum ersten armenischen Katholikos.

Die Kirche ist donnerstags geöffnet. Es mangelt halt an Publikum. Gleich neben der Kirche ist das armenische Gymnasium "Getronagan" voll im Betrieb.

Die griechische Volksschule

Kunst statt Kindergeschrei

Unterwegs auf der Kemeraltı-Straße in Richtung Karaköy übersieht man in der Regel ein schönes Haus rechts. Die Straße ist unfreundlich und gilt nicht gerade als Flaniermeile. Geschäfte, die Outdoor-, Jagd- oder Taucherausrüstung verkaufen, dominieren; sonst gibt's viel Verkehrslärm. 
Das stolze, klassizistische Gebäude mit einer dunkelgrauen, wohl von Umwelteinflüssen mitgenommenen Fassade ist ein Werk des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Nach einer 30-jährigen Bauzeit wurde die Schule 1888 eingeweiht und überlebte alle Erdbeben. Finanziert wurde sie von griechischen Geschäftsleuten aus Galata.
Mangels genügend Schüler wurde die Schule mittlerweile stillgelegt. Doch es kam noch schlimmer: Der türkische Staat hat die Schule von ihren Einkünften abgeschnitten. Die Ladengeschäfte im Erdgeschoß wurden mitsamt Schulgebäude konfisziert.
Mittlerweile atmen die Griechen in Istanbul etwas auf, da ihnen die Immobilien der Minoritätenstiftungen zurückgegeben werden sollen. Eine Praxis, die in den 1980-er Jahren unter Militärdespotismus ihren Ursprung hatte, soll jetzt unter Zivildespoten wiedergutgemacht werden. Wie erfreulich, wenn's wahr wird!
Wenn die Istanbuler Intelligenzia ehrlich ist, muss sie zugeben, dass man auf dieses Haus erst aufmerksam wurde, seit es als Ausstellungs- und Veranstaltungshaus zur Verfügung steht.
An geraden Jahreszahlen findet in der Stadt die Design-Biennale und an ungeraden die große Istanbul-Biennale statt. Letzten Herbst konnte man in der "Skoli Galata" die Werke internationaler Designer unter dem Motto "Die Zukunft ist nicht mehr so wie früher" bewundern. Dieses Motto schien mir fast ein Plagiat eines Karl-Valentin-Spruchs zu sein: "Früher war sogar die Zukunft besser". Besser kann man die populistische Nostalgie der Menschen nicht verspotten. Gleichzeitig drückte das Motto der Biennale einen brutalen Realismus aus: Früher kreischten hier griechische Kinder.




 
Die Absolventen der Schule treffen sicmittlerweile wieder. Am 22. März 2014 trafen sie sich zum dritten Mal und durften sogar den ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. als Gast begrüßen.
Die nächste, vierzehnte Biennale kommt ganz bestimmt. Unter dem Motto "Salzwasser - Eine Theorie der Gedankenformen" finden verschiedene Veranstaltungen und Ausstellungen statt: 5. September - 1. November 2015.
Dort wo früher griechische Kinder lernten und spielten, plaudern heute Künstler und Kunstbeflissene. Ich bin dankbar dafür, dass man kein Einkaufszentrum daraus gemacht hat.

Samstag, 21. Februar 2015

Cicerone Monatsprogramm: Februar

Archäologisches Museum Istanbul

Ein Muß für alle Istanbul-Besucher

Im Außengarten des berühmten Topkapı-Palastes thront ein stolzer Bau mit einer klassizistischer Front: Das Archäologische Museum von Istanbul. 1891 gegründet, ist es das bedeutendste archäologische Museum der Türkei. Die Sammlungen umfassen rund 15000 Exponate aus Mesopotamien, aus der assyrischen, sumerischen, akkadischen, babylonischen und ägyptischen Antike, dem prähistorischen, griechischen, römischen und byzantinischen Kleinasien, sowie der vor-islamischen und islamischen arabischen Kultur.

Der Komplex besteht aus drei Museen: 
1. Das eigentliche archäologische Museum,
2. Das Museum für altorientalische Kunst,
3. Das Museum für islamische Keramik (Çinili Köşk).

Das wohl bekannteste Einzelobjekt des Museums ist der sogenannte Alexandersarkophag aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., der 1887 vom Museumsgründer Osman Hamdi Bey in Sidon (Libanon) ausgegraben wurde. Es handelt sich dabei nicht um den Sarkophag des makedonischen Herrschers, sondern um einen anderen, der aber an seinen Fronten eine wunderschöne Reliefdarstellung der Schlacht bei Issos (333 v.Chr.) aufweist. Die einst bemalte plastische Kriegsinszenierung hat einige Figuren, die man für Alexander halten könnte. 


Das wohl aufregendste Objekt im Altorient-Museum ist der erste schriftlich verfasste Friedensvertrag der Menschheit. Nach der Schlacht von Kadesch zwischen Hethitern und Ägyptern (1274 v.Chr.), die einen Patt-Ausgang hatte, sah sich jeder als Sieger. Das war guter, innenpolitischer Propagandastoff für beide Seiten. Eine vergrößerte Kopie davon hängt in New-York, in der Empfangshalle der UN. Passend!



Das Februarprogramm von Cicerone fand wieder an einem verschneiten Istanbul-Tag statt, wie im Januar. 




Montag, 2. Februar 2015

Tophane

Ein Stadtteil im Dauerumbruch

Imperiale Kanonengießerei:


Im Buch: Ort 102
Tophane heißt einfach Kanonengießerei. Dieser unübersehbare Bau mit den vielen Kuppeln und Entlüftungskaminen ist für den Namen der Gegend verantwortlich: die Tophane-i Amire. Die Ursprünge dieser Waffenfabrik gehen auf 1453 zurück, also auf die Eroberung von Konstantinopel. 1823 wurde der Bau bei einem Brand stark zerstört und erneuert. Tophane war wohl das älteste Industriegebiet von Istanbul. 

Heute wird das Haus als Ausstellungshalle genutzt; unter der Obhut der Mimar-Sinan-Universität der Bildenden Künste.

Man muß sich hier die alte Küstenlinie dort vorstellen, wo heute die Hauptstraße verläuft, also dort, wo die Anhöhe beginnt. Der flache Streifen bis zu heutigen Küsten wurde im Laufe der Geschichte, hauptsächlich aber in der Neuzeit, künstlich aufgefüllt. Die Gießerei war also am Wasser, am steilsten Hang gebaut, so dass Schiffe hier anlegen und die schweren Kanonen direkt laden konnten.


Im Buch: Ort 61
Kılıç-Ali-Paşa-Komplex:

Eine schöne Vorstellung, dass der geniale Hofarchitekt Sinan und der spanische Schriftsteller Cervantes hier sich in die Augen geguckt haben, der eine als Baumeister, der andere als Sklave. Sinan aus Kayseri ist ein durch Knabenlese islamisierter und türkisierter Armenier.
Auch der Bauherr ist ein ehemaliger Sklave: der konvertierte Italiener Occhiali, der spätere Kılıç Ali Paşa, ist als Admiral in die osmanische Kriegsmarinengeschichte eingegangen.

Der Autor von "Don Quijote" wurde in einem Türkenkrieg verletzt und wurde auf dem Heimweg gefangengenommen. Als halb verkrüppelter Sklave musste er hier wohl Steine schleppen. Kam es je zu dem Augenkontakt mit Sinan? Das wissen wir nicht so genau. Viel sicherer ist, dass er durch den Bauherrn freigesprochen wurde und ihm dankbar dafür war.

Die Geschichte dieser drei Männer ist inspirativ: ein Spanier, ein Italiener und ein Armenier.



Weiter nach Norden:

Das Tophane-Schlösschen im Park nördlich des Brunnens, der Uhrturm und die Nusretiye-Moschee aus dem 19. Jahrhundert werden in einem anderen Post behandelt.



Artillerie-Übungsplatz:

Das große in der Neuzeit aufgefüllte Gelände, wo heute die Wasserpfeifencafés und die hässlichen Bauten der Hafenverwaltung stehen, praktisch von der Kılıç-Ali-Paşa-Moschee bis zur Nusretiye-Moschee in Sichtweite, diente einst der Artillerie der osmanischen Armee als Übungsplatz.

Nachdem 1826 der Janitscharenkorps aufgelöst wurde, wurde die osmanische Armee reorganisiert. Europäische Experten wie der Preuße Helmut von Moltke waren gerne mit dabei. Kasernen, militärische Ausbildungsstätten und Übungsplätze wurden gebaut. Hier war die Quelle für die Artillerie, also die Kanonengießerei ganz nah, und der französische Kanonen-Chef Humbaracıbaşı Bonneval Paşa hätte es auch nicht weit zur Arbeit gehabt, wenn er nicht schon 70 Jahre zuvor gestorben wäre.


Künstlerschule:


Gemeint ist wohl eher "Handwerkerschule". Sanatkârlar Mektebi ist eine Ausbildungstätte des 19. Jahrhunderts. Heute existiert nur noch das gleichnamige Straßenschild unterhalb der Gießerei. Das, was aussieht wie eine archäologische Ausgrabungsstätte, hinter riesigen Reklameplanen versteckt, war die einstige "Künstlerschule". Es ist doch ein schöner Zufall, dass die Mimar-Sinan-Universität der Bildenden Künste gar nicht so weit von hier ist.




Erste Autofabrik der Türkei:

Anadol oder Tofaş?, welches war das erste in der Türkei gebaute Auto? Ford war es! Die Türken haben schon immer Ford geliebt. Gleich nach der Gründung der Republik 1923 versuchte man alles daran zu setzen, das Land zu industrialisieren. Das osmanische Reich hatte viele Züge verpasst. Die moderne Republik unter Atatürk rannte hinterher, um wenigstens den Abstand zu verkürzen, wenn schon die Züge nicht mehr zu erreichen waren. Das Artillerie-Gelände wurde ab 1925 Baugrundstück für die erste Autofabrik der Türkei. Ford hatte hier bis 1944 ein Montagewerk. Teile, die aus Übersee per Schiff ankamen, wurden gleich zu fertigen Autos montiert. Monatsproduktion: 45 Autos!


Die Amerikaner diktierten der frischen Regierung in Ankara das Hafengebiet als Freihandelszone und erhielten Steuerfreiheiten. Nicht nur die Türkei sollte die Autos bekommen, sondern der ganze Nahe Osten. Ford hatte weltweit solche Montagewerke in den Hafenstädten. 

Die Türkei bestand darauf, dass 75% der Belegschaft türkische Staatsangehörige sein mussten.

Während des Zweiten Weltkrieges ging es dem Werk nicht mehr so gut, Amerikaner hatten anderswo andere Sorgen. Übereifrige türkische Bürokraten änderten ein paar Paragraphen in den Zollbestimmungen. Folge davon:  Die Amerikaner gingen nach Alexandria in Ägypten. Nein nicht ganz! Sie ließen immerhin ihre Hemden und Hosen da...


Amerikan Pazarı:


Dort wo heute die Wasserpfeifen-Cafés sind, also wo einst das Artillerie-Gelände und später die Fordwerke waren, gab es ab den 50er Jahren den "amerikanischen Markt". Hier konnte man echte Jeans und andere Markenware an Kleidung haben. Zunächst waren es die in der Türkei stationierten amerikanischen Soldaten und andere Marshall-Planer, die vor ihrer Rückkehr ihre Habseligkeiten verkauften. So entstand die Bezeichnung Amerikan Pazarı. Später wurde ein Schmuggler-Markt daraus.

Die Türkei hatte ein in sich geschlossenes Wirtschaftssystem, ausländische Produkte waren nicht einfach zu haben. Die Währung war nicht konvertibel. Bis zur Regentschaft von Turgut Özal, dem Bewunderer der Chicago Boys, war es so. Und dann kam die große Freiheit! Wir schrieben die 80er Jahre...

Muhteşem Kot
Vorher gab es nur eine Jeanshosen-Marke KOT, doch verfärbten sich diese dunkelblauen Hosen gar nicht. Heute noch sagen die Türken "Kot" zu Jeans. Der unternehmenslustige Schneider Muhteşem Kot, der in den 40er Jahren in Frankreich die Bekanntschaft mit den amerikanischen Jeans gemacht hatte, fing mit der Produktion der Hosen in der Türkei an. Kurz darauf erfreute er sich hoher Beliebtheit seiner Marke. 1960 konnte er schon täglich 200 Hosen herstellen. Bis 1992 existierte die Firma noch.

Die Kot-Hosen hatten nur den Schnitt der Jeans, blieben aber immer hässlich dunkelblau. Das heißt, sie waren nicht indigo-gefärbt und nicht stonewashed. Das gefiel der jungen, modebewußten Generation gar nicht. Echte Jeans bestellte man entweder bei jemandem, der ins Ausland ging, oder man musste sie in diesen Geschäften in Tophane erstehen.

Nur wussten die Türken nie, ob sie hier zu teuer oder recht günstig gekauft hatten. Man verließ das Geschäft immer mit einem komischen Gefühl im Magen. Eben, der amerikanische Markt, frei...




İstanbul Modern:

Im Buch: Ort 52
Ein Muß für alle Kunstkenner und eine große Neuheit für die Türkei, da ein Museum der modernen Kunst fehlte. Staatliche Gemälde- und Skulpturenmuseen sind dank der Republik da, aber langweilig. Doch gab es erste Bestrebungen zu Sammlungen schon in den letzten Jahrzehnten des osmanischen Imperiums. Daß die Bildende Kunst vernachlässigt wurde, hat sicher mit dem religiösen Bilderverbot zu tun.


Eine ehemalige Hafenhalle hat durch die Initiative der bekannten, kunstfördernden Industriellen-Familie Eczacıbaşı eine sehr sinnvolle Nutzung bekommen.

Und die Cafeteria!
Wenn gerade kein Kreuzfahrtschiff am Kai festgemacht hat, ist der kühle Weißwein auf der Terrasse dort ein Genuss ohnegleichen.



Der Stadtteil im Dauerumbruch:

Tophane als Verlängerung des Hafengebietes mußte kosmopolitisch sein und war es auch. Nach dem Ersten Weltkrieg verließen die meisten Nichtmuslime, Nichttürken die Stadt. Tophane war eher bekannt als "Zigeunerviertel", da die verlassenen und heruntergekommenen Häuser gerne von Roma bewohnt wurden.

In den letzten Jahren des Reiches und in den ersten Jahrzehnten der Republik ist die Gegend berühmt für ihre Kabadayı, für die Rüpel, Rohlinge, Raufbolde und Stadtteil-Tyrannen. Diese Typen waren aber auch oft die Beschützer des Stadtteiles, der "Mahalle".

Mittlerweile wohnen viele türkische Araber und Kurden aus den südöstlichen Provinzen wie Siirt und Bitlis hier. Die Bausubstanz ist alt und oft schlecht.

Tophane liegt genau zwischen dem Kunstzentrum (Istanbul Modern, Mimar-Sinan-Uni) und bei Intellektuellen beliebten Viertel Beyoğlu. Daher siedeln sich hier Kunstgalerien und Design-Studios an, was bei der altansässigen Bevölkerung manchmal auf Widerstand stößt. Die "Ureinwohner" mögen nicht, wenn bei einer Vernissage auf dem Trottoire Alkohol getrunken wird. Sie mögen vieles nicht. Das Spannungsfeld bekommt man zu spüren, wenn man hier wohnt.

Das einzig Beständige ist der Wandel, auch in Tophane.







Montag, 26. Januar 2015

Verbindungsstelle der Bundesanstalt für Arbeit

Zum unbekannten Gastarbeiter

In diesem unscheinbaren Amtsgebäude hat alles angefangen. Die Arbeitsmigration der Türken nach Deutschland vor über einem halben Jahrhundert. Ist es Schicksal, dass das Haus heute mit EU-Mitteln erneuert/saniert wurde?

Der Krieg war vorbei. Deutschland musste sich wieder herstellen, wie Phönix aus der Asche. Es fehlten in vielen Bereichen die Arbeitskräfte, vor allem in den einfacheren Ebenen. Männer der Geburtenjahrgänge 1920-25 waren meistens im Krieg gefallen, die älteren waren zu alt oder Invalide. Man brauchte für niedere Arbeiten Menschen, die ebenso dankbar dafür wären, dass sie diese Arbeit für einen Niedriglohn leisten durften.

Am 30.10.1961 wurde das Anwerbeabkommen zwischen der BRD und der Türkei unterzeichnet. In Bonn waren Ludwig Erhard Wirtschaftsminister und Theodor Blank der Minister für Arbeit. Wir schreiben die Ära der III. und IV. Adenauer-Regierungen.
Die damalige türkische Regierung konnte aufatmen. Es gab keine großartige Industrie hier im Lande. Und die Fremdarbeiter könnten ja auch Devisen in die Staatskasse einbringen. Es sah aus wie eine Win-Win-Situation.
Arbeitgeber des produzierenden Gewerbes in der BRD, organisiert in der BDI, meldeten ihren Arbeiterbedarf als „Anforderungen“ über eine deutsche Verbindungsstelle in Istanbul an die Auslandsabteilung der türkischen Anstalt für Arbeit İİBK (İş ve İşçi Bulma Kurumu, heute İşkur), die ihrerseits wiederum eine vorselektierte Auswahl an Arbeitern an die deutsche Verbindungsstelle zur weiteren Prüfung entsandte.
Bewerber unterlagen bei ihrer Registrierung, wenn nicht ein offensichtlich schlechter Gesundheitszustand sie schon von vornherein von der Vermittlung ausschloss, bestimmten Altersgrenzen. Qualifizierte Kräfte durften höchstens 40 Jahre alt sein, Frauen 45, Bergmänner 35. Für unqualifizierte Kräfte war das 30. Lebensjahr die Grenze. Insgesamt bewarben sich so zwischen 1961 und 1973 über 2,6 Millionen Menschen um einen Arbeitsplatz in der BRD. Wer von der İİBK für die Vorstellung bei der deutschen Verbindungsstelle in Istanbul ausgewählt worden war, musste dort noch zwei Abteilungen und fünfzehn Prüfungen der deutschen Behörde durchlaufen. Nach dem erfolgreichen Absolvieren der ersten Verbindungsstellenabteilung folgte eine umfangreiche Gesundheitsprüfung.
Ich kann mich an das Bild der frisch rasierten, gut gekleideten, jungen, anatolischen Männer erinnern, wie sie in dem benachbarten Park genächtigt haben. Voller Aufregung und auf ihren Holzkoffern hockend. Im Morgengrauen machten sie sich zu Fuß auf den Weg über die Galata-Brücke zum Bahnhof Sirkeci, um dort den Sonderzug nach dem viel gepriesene "Almanya" zu nehmen.

Keiner wusste, was daraus wird.


Am Anfang waren es junge, ledige Kerle, die in werkseigenen Heimen in Etagenbetten schliefen und sich in Gemeinschaftsbädern wuschen. Sie sollten ja nur provisorisch für zwei Jahre dort leben. Dann sollten andere sie ablösen. Das Rotationsprinzip ging eine Zeit lang gut, bis sich der BDI gemeldet hat: "Das ist nicht lukrativ!"
Also holte man sie für eine längere Dauer. Dann folgten die Familien.

1973 war die Ölkrise, Helmut Schmidt verordnete den Anwerbestopp. Die WDR veranstaltete im selben Jahr ein Preisausschreiben, um einen Begriff für diese Menschen zu finden, da ja alles, was existiert, auch einen Namen haben muss. - Unter den Einsendungen war "Gastarbeiter" der Gewinner, eine Wortschöpfung, die im Fach Soziologie in alle Weltsprachen einging.




1973 herrschte in der Türkei ein kurzer - und einziger - linksliberaler Wind. Dieser Park bekam ein Denkmal: "Der Arbeiter", ein Werk des Bildhauers Muzaffer Ertoran (1922-2000). Die Plastik war natürlich dem Geiste des Kalten Krieges entsprechend pathetisch und ganz im Sinne des sozialistischen Realismus. Kunst ist Kunst. Aber öffentliche Kunst war in der Türkei schon immer schwierig. Der bigotte Vandalismus wütete auch in diesem Park. "Der Arbeiter" wurde Stück für Stück verstümmelt.

Doch, dafür gibt es ein Denkmal des unbekannten Gastarbeiters: dieses unscheinbare Gebäude des türkischen Arbeitsamtes...

Sonntag, 25. Januar 2015

Tomtom Kaptan

Ein Navigationsgenie oder ein Trommler?

Geht man nun auf die Hauptachse dieses Stadtteils, auf die Boğazkesen Caddesi, sieht man rechts ein lachsfarbenes Eckhaus, dessen Geschichte es noch zu erforschen gilt.

Schräg gegenüber ist die Mündung der Çukurcuma-Gasse, mit dem Museum der Unschuld von Orhan Pamuk, dem zeitgenössischen, nobelpreisgekrönten Schriftsteller.


Schaut man nach links, sieht man eine kleine unscheinbare Moschee, die in allen Quellen ziemlich genau auf 1592 datiert wird. Die Moschee des Tomtom-Kaptan. Ein Kapitän, der gleich so heißt, lässt auf besondere Navigationskenntnisse eines türkischen Seemannes zurückführen, seitdem man die GPS-Geräte im Auto hat. So ist es aber sicher nicht.


Daß die Türken kein großes Seevolk sind, ist wohl bekannt. Fast alle führenden Seemänner in der Geschichte des Osmanischen Reiches waren Konvertierte, wie Kılıç Aslan, Barbaros Hayreddin oder Turgut. Es war schick und populistisch, wenn ein Konvertierter eine Moschee stiftete.
In dem Käpt'n Tomtom wird ein Ex-Grieche vermutet. Ich vermute weiter: ein Grieche mit einem "unaussprechlichen" Namen wie Timotheus, Theotimos oder Thiodem!

Die Moschee soll auch einen Imam Abdullah gehabt haben, der musikalisch versiert war und gerne auf seiner Tomtom trommelte. So wollen es andere wissen.

Lärm gibt's hier genug. Auf etwas mehr Lärm kommt es nicht an!



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Samstag, 24. Januar 2015

Little Italy

Palazzo di Venezia

Dort, wo die italienische Flagge nicht zu übersehen ist, ist auch der venezianische Palast, ein Gebäudekomplex aus dem ausklingenden 17. Jahrhundert, natürlich mehrfach aus- und umgebaut. Warum denn gerade Venedig? Ganz einfach: Es gab doch noch gar kein Italien. Es gab nur die mittelalterlichen Stadtstaaten (ab 695 n. Chr. entsteht z. B. der Staat Venedig, neben Genua), die in der Neuzeit durch die Herzogtümer abgewechselt waren.

Der Überseehandel erforderte kommerzielle und somit politische Vertretungen. Die Idee der ständigen Vertretungen gegenseitig entstand aus diesen Import-/Exportbeziehungen heraus.

Und Venedig hatte hier seinen Bailo, wie der venezianische Gesandte damals hieß. Venezianer hatten weiterhin ihre Sonderrechte, die sie schon im Byzantinischen Reich erhielten. Nach wie vor.
Heute verbergen sich hinter dem Gitter die Residenz des italienischen Botschafters und die Kanzlei des italienischen Konsulates.

Nach Naopleons Sieg über Venedig ging das Anwesen an die Franzosen über. Und als die Österreicher Napoleon platt gemacht hatten, wurde es Eigentum der K.u.K.-Monarchie. Den Ersten Weltkrieg haben Österreich, Deutschland und das Osmanische Reich als Verbündete verloren. Also mussten die Österreicher räumen. Trotz Einwände der Franzosen haben de Italiener das Haus zurückbekommen.

Cäsar geben, was Cäsar gehört!

Etwas weiter unten ist das italienische Gymnasium Liceo Italiano zu sehen, eine Eliteschule wie alle anderen fremdsprachigen Schulen in Istanbul auch. Dass diese Schulen einst sowohl für die eigenen Kinder, als auch als Missionsschulen für die Einheimischen gedacht waren, liegt doch auf der Hand. Man schaue sich nur die örtliche Nähe dieser Institutionen an.

Bekannt ist aber auch, dass die Venezianer überall auch Schulen eröffnet haben, die ihren eigenen Kindern die jeweilige Landessprache beigebracht haben.

Gegenüber steht das Haus Tomtom-Suites, eine der schönsten Wohnmöglichkeiten in Istanbul.

In den 1850ern standen hier hölzerne Reihenhäuser, hauptsächlich bewohnt von Griechen und Levantinern. (Der Begriff "Levantiner" ist ein Kapitel für sich.)

Das kleine Haus nach dem Tomtom-Hotel war höchstwahrscheinlich das von mir viel gesuchte französische Postamt. Man vermutet es zwar weiter oben an der Postacılar-Gasse, weil die Straße ja hier unten anders heißt. Doch die Nähe zur französischen Botschaft ist auch Indiz genug. Möglicherweise kam die Post hier zentral an. Von hier aus sind dann die Postboten auf die Grand Rue de Pera hinaufgeflitzt. Nette Vorstellung. Die müssen ja alles junge Kerle gewesen sein.
Als die ersten Franziskanernonnen in den 1890ern in Istanbul ankamen, wohnten sie möglicherweise in dieser Gegend zuerst in Provisorien, bis der italienische Architeckt Barborini für sie 1901 die Maison des Soeurs Franciscaines, also das Nonnenhaus gebaut hat. Bei den Franziskanerinnen handelte es sich um Krankenschwestern und -pflegerinnen, daher hieß das Haus auch Soeurs Garde-Malades Appartment. Doch so einfach ist die Geschichte nicht. Als Eigentümer tauchen die Glavanis auf. Handelte es sich etwa um Mietwohnungen?

Die selbstlos hilfsbereiten Schwestern kümmerten sich auch um Weisenkinder und um deren Schulbildung. Vor dem 1. Weltkrieg mögen die Franziskanerinnen hier eine St.-Joseph-Schule betrieben haben. Doch hier herrscht noch keine Klarheit, obwohl an einem Haus an der Boğazkesen-Str. Das Schild eines "Orphelinats" eindeutig zu sehen ist.

Die Jahre nach dem "Großen Krieg" war die sonst so kosmopolitisch belebte Gegend fast verlassen und heruntergekommen. Das Haus Tomtom-Suites war bis zur Übernahme des jetzigen Eigentümers ein Archivhaus der Ziraat Bank, der türkischen Raiffeisenbank. Die benachbarten Häuser haben mittlerweile auch Investoren gefunden. So wurden sie zum Leben erweckt.

Die französische Botschaft oben hat viele Ein- und Ausgänge. Aber diesen Platz und diese Straße beherrschen die Italiener eindeutig.

Im Buch: Ort 69
Kein Wunder, daß Casanova sich hier wohlfühlte.








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Freitag, 23. Januar 2015

Tomtom-Kaptan-Sok. 22

3G auf Französisch

Wir schreiten die Tomtom weiter hinunter. Links und rechts haben wir nur noch Mauern. Dann kommt eine steile, unsichere Treppe. Ist man einmal unten angekommen, fühlt man sich auf einmal in einer anderen Welt. Das hier nenne ich Little-Italy.
Wir drehen uns um und sehen das 3-G-Haus:
Gesetze – Gerechtigkeit – Gewalt.
Das französische Konsulartribunal. Das Gericht!
 
Der Eingang an der Sackgasse Çiçekçi Çıkmazı, direkt am immer verschlossenen Tor der Französischen Botschaft, ist möglicherweise für die "Lieferungen" gedacht gewesen.

 
Hier wurden französische Bürger nach ihrem Rechtssystem „gerichtet“. Eine Botschaft, eine Kirche, eine Schule, ein Gericht und höchstwahrscheinlich auch einen Kerker dazu. Ein Krankenhaus hatten sie ja schon. Komplett.
Das Tribunal ist 1844 gebaut. Architekt ist der Franzose Laurecisque. Die angebrachten Wappen an der Front geben Aufschluss über die Fachgebiete des Gerichtes, überwiegend Handelsrecht und Seerecht.
Heute wird das Haus als Schule für Kinder der französischen Expats benutzt. Sie hieß bis vor einigen Jahren “Papillon”, heute läuft die Schule unter dem Namen des Romanciers “Pierre Loti”, eine Art Botschaftsschule.
 
 








 

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Mittwoch, 21. Januar 2015

Tomtom Kaptan Sok. 15

Anna

Anna Grosser-Rilke, Anna (Maria Augusta), geb. Rilke, verh. Treuenfels (*1853 in Melnik-Tschechien, 1937/38, Ort unbekannt), Pianistin, Klavierlehrerin und Journalistin. Sie war zwar verwandt mit dem Dichter Rainer Maria Rilke, hat ihn möglicherweise selten oder gar nicht getroffen.

Als junges, begnadetes Talent absolvierte Anna 1870 das Leipziger Konservatorium. Sie wurde vertraut mit Mozart, Schumann, Schubert, Bach und Mendelssohn. Ihre Chopin’sche Musik wurde sogar mit den Worten „duftig poetisch, von so noblem, warmem und feinfühligem Anschlage bei zugleich energisch sonorer Kraft und schwungvoller Behandlung“ bewertet. Den Sommer 1874 verbrachte die Pianistin bei Liszt in Weimar. Diese Zeit nennt sie einen Höhepunkt in ihrem Leben.
 
Mit 25 Jahren heiratete Anna Rilke den deutsch-jüdischen Maler Moritz Treuenfels, der 3 Jahre später starb. Anna zog nach Berlin und trat hier weiterhin glanzvoll auf. Sie hat auch viele Auslandsauftritte gehabt. Einen weiteren Höhepunkt in ihrer Karriere bildete sicherlich ihre Ernennung zur Hofpianistin durch den König Leopold II. von Belgien 1884. 
In zweiter Ehe war sie getraut mit dem Journalisten und Schriftsteller Julius Grosser, den sie in ihrer Berliner Zeit kennenlernte. Er war zunächst Korrespondent des „New York Herald“, trat dann eine ständige Korrespondentenstelle in Konstantinopel für die “Kölnische Zeitung” an. So zog das Paar Grosser mit Sohn Günther 1888 nach Istanbul. Sie mieteten sich in diesem roten Haus ein.
 
Ihr Leben „unter diesem orientalischen Himmel“ war nicht mehr das alte vertraute. Sie hatte zwar Auftritte, sie gab Klavierunterricht, doch war ihr Hauptbewunderer fast nur ihr Ehemann Julius. Nach einem Konzert berichtet sie: „Ich habe an diesem Abend wirklich gut gespielt, nicht alle konnten der ihnen nicht sehr geläufigen Musik folgen, leichte italienische Opernarien hätten mehr Verständnis gefunden; aber das war mir gleichgültig, ich war in meinem Element und wollte den Leuten einmal echte gute deutsche Kunst bieten.”

Unter ihren Hörern befand sich auch Sultan Abdulhamid II. (1842-1918), dessen Sohn, Prinz Mehmet Burhanettin Efendi (1885-1949), ihr Klavierschüler war. Aber auch eine junge Frau, Latife Uşşaki (1898-1975) hat bei ihr Klavier spielen gelernt. Diese Mademoiselle wird später Ehefrau des Republikvaters Mustafa Kemal Atatürk, wenn auch nur für eine kurze Dauer (1923-1925).
 
 

 
Nach dem Tode des Ehemannes Grosser (1895), des Korrespondenten, hat Anna die von ihm gegründete deutsche Nachrichtenagentur fortgeführt. Böse Zungen meinen, der Sultan hätte ihr zu der Zeit sogar Spionagetätigkeit angeboten, hinter vorgehaltener Hand natürlich. Immerhin, Agent und Agentur liegen nahe.
 
Als Musikerin gründete sie in Istanbul ein Streichquartett,
mit dem sie gemeinsam regelmäßig auftrat, und übernahm 1906 die Leitung der Musikabteilung des amerikanischen Robert College in Istanbul.
 
1918, nach dem gemeinsam verlorenen Krieg wurden alle deutschen Staatsangehörigen des Landes verwiesen. Anna kehrte zurück. Mit 30 Jahren Istanbul-Erfahrung im Koffer.
Als 1937 ihre Memoiren erschienen, war sie 84 Jahre alt. Kurz darauf starb sie. Wo sie starb, ist ungewiss. Anna hat nicht nur viel mitgenommen, sie hat auch viel da gelassen.

Ich höre noch immer ihre Klavierklänge, wenn ich an diesem Haus vorbeigehe.
 
 


 
 

 
 

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